Minima Energetica - 3-Länder-Vergleich

Beitragsseiten

7. Drei europäische Länder im Vergleich

7.1 Norwegen

Das europäische Musterland in Sachen elektrischer Energie ist Norwegen. Es ist das Rückgrat des nordischen Verbundnetzes, bestehend aus den Ländern Schweden, Finnland und eben Norwegen. Mit dem kontinentaleuropäischen Verbundnetz ist das nordische Verbundnetz über im Meer verlegte Gleichstromleitungen verbunden, welche den Energieaustausch zwischen den genannten Verbundnetzen ermöglichen, ohne dass die Netze dafür synchron sein müssten. Zwei Netze sind synchron, wenn die Frequenz in beiden immer genau gleich groß ist, was nur möglich ist, wenn sie mit Wechselstromleitungen verbunden sind. Eine Gleichstromkupplung erlaubt daher den Energieaustausch zwischen asynchronen Netzen.

Norwegen ist in vieler Hinsicht ein beneidenswertes Land. Freilich stinkt es mit voller Hose, denn auf Grund seiner Topologie erzeugt es beinahe hundert Prozent seines Stromes aus der Wasserkraft und das beinahe ausschließlich mit seinen Speicherkraftwerken, deren günstigen Eigenschaften wir weiter oben beleuchtet und gerühmt haben. Sein Stromnetz stabil zu halten, ist für Norwegen deshalb ein Kinderspiel, denn, wie wir bereits festgestellt haben, sind Speicherkraftwerke jener Typ von Kraftwerken, die die Lei-stung, die sie produzieren, am raschesten ändern können.

Norwegen sorgt aber nicht nur für die Stabilität des nordischen Verbundnetzes; dadurch, dass es mit dem riesigen kontinentaleuropäischen Verbundnetz über im Meer verlegte Gleichstromleitungen verbunden ist, kann es auch einen wichtigen Beitrag zur Aufrechterhaltung der Stabilität des letzteren leisten, indem es elektrische Energie mit ihm austauscht. Wird zum Beispiel in Deutschland zu viel Energie produziert, weil im ganzen Land kräftiger Wind weht, kann Norwegen den Deutschen ihre Überschüsse abnehmen und diese zur Versorgung des eigenen Landes verwenden. Freilich muss es dafür die Produktion seiner Speicherkraftwerke drosseln, und zwar genau um den Betrag, den es aus Deutschland an Strom bezieht, was aber problemlos möglich ist. Bezieht Norwegen Strom aus Deutschland, wird sein in den Stauseen gespeicherter energetischer Schatz (Mit dem in seinen Stauseen gespeicherten Wasser könnte Norwegen 70% seines Jahresbedarfs an elektrischer Energie produzieren, und das im hypothetischen Fall, dass alle Zuflüsse in die Stauseen versiegen.) weniger stark beansprucht; er steht daher zur Verfügung, wenn Deutschland Strom braucht, weil im Land gerade Flaute herrscht und die deutschen Windräder nicht genügend Strom liefern. Dann steigert Norwegen schnell die Stromproduktion, produziert Überschüsse und liefert diese nach Deutschland.

Dieser Stromhandel ist für Norwegen ein äußerst einträgliches Geschäftsmodell, denn der Windstrom, den das Land aus Deutschland importiert, ist billig, der Strom, den es nach Deutschland liefert, vergleichsweise teuer. Es ist daher kein Wunder, dass Norwegen das Volumen des mit Deutschland ausgetauschten Stromes steigern möchte, denn es könnte aus Deutschland weit mehr Windstrom beziehen, als es tatsächlich tut. Der importierte Windstrom muss ja im Land verbraucht werden, was nur möglich ist, wenn man die eigene Produktion drosselt; die Höhe des eigenen Verbrauchs ist daher die absolute Grenze, bis zu der Norwegen Deutschland die überschüssige Windenergie abnehmen kann. Da Deutschland unbeirrt weiter auf die Windkraft setzt, diese auch noch weiter ausbauen will, wodurch sein Bedarf an Regelenergie stetig wächst, könnte Norwegen sein einträgliches Stromveredelungsgeschäft mit Deutschland ausweiten, denn Deutschland würde statt einem eher mehrere Norwegen benötigen. Zwar hat Norwegen den höchsten Prokopfverbrauch an elektrischer Energie, doch das Land hat nur 5,4 Millionen Einwohner, Deutschland hingegen fünfzehn Mal mehr. Welche Möglichkeiten hat Norwegen in dieser Hinsicht? ― Es kann erstens neue Speicherkraftwerke bauen; zweitens aber kann es den Stromverbrauch im eigenen Land erhöhen.

Wie kann man letzteres am besten? ― Erraten, indem man voll auf Elektromobilität setzt! Schon im Jahr 2025 sollen in Norwegen keine neuen Autos mit Verbrennungsmotor, sondern nur noch Elektroautos neu zugelassen werden. Das wird den Stromverbrauch in Norwegen drastisch erhöhen, und damit das Volumen des möglichen Stromhandels mit Deutschland. Die norwegische Energiepolitik wird von allen Verfechtern der Elektromobilität als vorbildlich gerühmt und zur Nachahmung empfohlen. Aber, wie schon gesagt, stinkt Norwegen mit voller Hose.

Sich in diesem Punkt auf Norwegen zu berufen, ist also absurd. Stellen wir uns vor, irgendwelche Grünaktivisten wollten Kühlschränke verbieten und die Frage, wie das gehen soll, mit dem Argument abschmettern, die Eskimos in Grönland kämen ja auch ohne Kühlschränke aus. Sie würden sich lächerlich machen. Aber angesichts der allgemeinen Unwissenheit in Energiefragen . . .

Glückliches Norwegen, das seinen Strom beinahe zu hundert Prozent aus Wasserkraft erzeugt und so viel Erdgas und Erdöl aus eigener Produktion hat, dass es diese exportieren kann. Kein Wunder, dass es das drittreichste Land der Welt ist, und das demokratischste obendrein.

7.2 Deutschland

Das zweite europäische Musterland ist Deutschland, doch es ist leider ein negatives Muster. Wieder zeigt es Deutschland aller Welt, doch wie schon so oft in seiner Geschichte, wie man es besser nicht machen sollte.

Es ist schwer, über die deutsche Energiepolitik, ja über Deutschland insgesamt zu schreiben, ohne allzu polemisch zu werden. Schon Nietzsche hat gegen Deutschland polemisiert und es ein Flachland genannt, und das bildlich und unbildlich.

Ein Flachland hat gegenüber einem Bergland viele Vorteile. Es hat mehr fruchtbaren Boden, es kann daher mehr Menschen ernähren und ist daher dichter besiedelt als ein gebirgiges Land. Was aber die Erzeugung von elektrischer Energie betrifft, ist es auf Grund seiner Topologie benachteiligt, denn in einem Flachland wie Deutschland kann die Wasserkraft nur eine untergeordnete Rolle spielen. Zwar ist Deutschland von großen Flüssen wie der Donau, dem Rhein oder der Elbe durchflossen, doch flach wie das Land ist, fließen seine Flüsse träge dahin. Um Strom zu erzeugen, ist jedoch unbedingt ein Gefälle erforderlich. Weil an einem Fluss meist zu wenig natürliches Gefälle vorhanden ist, muss nachgeholfen und ein Gefälle künstlich erzeugt werden, indem man den Fluss staut, was jedoch den Nachteil hat, dass viel an meist fruchtbarem Boden überschwemmt werden muss. Je geringer das natürliche Gefälle eines Flusses ist, desto länger muss der Stau sein, desto mehr an Boden wird dabei überschwemmt. Einen Tieflandfluss zu stauen, ist daher nicht sinnvoll, denn viel zu viel an kostbarem Land ginge dadurch verloren.

Deutschland ist stolz auf seine sogenannte Energiewende. Doch bei Lichte betrachtet erweist sich diese Wende, um in der Seglersprache zu bleiben, eher als eine total missglückte Halse, erweist sich als ein Kurswechsel, der dem Land von unkundigen und ideologielastigen Politikern verordnet wurde, unter kräftiger Mitwirkung des Zeitgeistes und seinem opportunistischen Wind.

Dass in Deutschland etwas schiefgelaufen sein muss, ist schon am Strompreis zu erkennen, denn der Preis, den der deutsche Stromkonsument für die Kilowattstunde zu zahlen hat, ist der höchste in Europa. Zwar haben Windkraft und Solarenergie den Vorteil, dass die Primärenergie nichts kostet, doch sie können die konventionellen Kraftwerke nicht ersetzen. Das erkennt man leicht, wenn man sich fragt, woher der deutsche Strom kommt, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Dann müssen die nach wie vor vorhandenen konventionellen Kraftwerke einspringen und den benötigten Strom liefern. Das hat die brutale Konsequenz, dass man alle deutschen Windräder stilllegen oder abreißen könnte, ohne damit die deutsche Stromversorgung zu gefährden. Umgekehrt ginge das freilich nicht. Die gewaltigen Investitionskosten, welche der Ausbau der Windkraft verursacht hat, wurden also für Strukturen aufgewendet, die man eigentlich gar nicht bräuchte.

Gewiss, und das ist die andere Seite der Medaille, hat man mit dem Ausbau der Windenergie viel Geld gespart, weil man viel weniger Primärenergie benötigt, doch steht diese Ersparnis in keinem Verhältnis zu den gewaltigen Investitionsko-sten, sonst wäre der Strompreis in Deutschland nicht so hoch. Die etwa 30.000 Windradungetüme, die inzwischen die deutsche Landschaft verunstalten, haben ihren Preis, und das nicht nur in ästhetischer, sondern auch in ökologischer und vor allem wirtschaftlicher Hinsicht. Um einen großen Kernkraftwerksblock zu ersetzen, muss man je nach Leistung Tausende solcher Ungetüme bauen. (Die Rechnung dafür ist schnell gemacht. Ein großer Kernkraftwerksblock hat typischerweise eine Leistung von 1300 MW und liefert, weil er praktisch das ganze Jahr in Betrieb ist, mehr als eine TWh an Energie. Weil der Wind oft nicht oder nicht genügend stark weht, muss, um dieselbe Menge an Strom zu produzieren, fünf Mal mehr, also 6500 MW an Windkraft installiert werden. Bei einer Leistung von 2 MW, die ein großes Windrad hat, bedeutet das über 3000 solcher Windradungetüme.) Für die Errichtung eines Kernkraftwerkes benötigt man eine Fläche von einigen Fußballfeldern, für die entsprechende Menge an Windrädern mindestens 300 km2. (In Deutschland arbeitet man gerade an einem Gesetz, gemäß dem die Verbauung von zwei Prozent der Landesfläche, also etwa 7000 km2, mit Windrädern erlaubt werden soll.) Was das für Mensch, Tier und Umwelt bedeutet, will man sich eigentlich gar nicht vorstellen.

Doch ich will das hier nicht vertiefen, ich möchte nur noch auf einen weiteren Nachteil der Windkraft eingehen, nämlich, dass sie ihrer Natur nach nicht nur keinen Beitrag zur Aufrechterhaltung der Netzstabilität leisten kann, sondern dass sie diese sogar gefährdet, insbesondere wenn man die Windräder betreibt, wie es derzeit in Deutschland üblich ist. In Deutschland nämlich wackelt der Schwanz mit dem Hund, denn nicht die Windräder müssen sich den trägen Großkraftwerken anpassen, sondern es ist umgekehrt. Den Takt geben also die volatilen Windräder vor, denn alles, was sie an Strom produzieren, wird ihren meist privaten Betreibern abgenommen. Ohne diese Abnahmegarantie wären die Windräder wohl kaum errichtet worden. (Der deutsche Staat fördert die Windkraftanlagen also doppelt: erstens, indem er ihren Betreibern einen viel zu hohen Preis für die Kilowattstunde zubilligt, zweitens durch die Abnahmegarantie. Also Planwirtschaft pur! Mit Marktwirtschaft hat das nichts mehr zu tun.) Die Großkraftwerke aber dürfen nur dann einspringen, wenn die ersteren nicht oder nicht genügend Energie liefern können.

Was das für die Netzstabilität bedeutet, kann man sich, angesichts des launischen Windes, leicht ausmalen. Man erinnere sich an die Tatsache, dass die Leistung, die ein Windrad abgibt, mit der dritten Potenz der Windgeschwindigkeit abnimmt. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Weht der Wind halb so stark, sinkt die Leistung, die ein Windrad liefert, auf ein Achtel. Folglich hat man nie genau den Strom, den man gerade braucht; das eine Mal hat man zu viel davon, dann wieder zu wenig. Die Netzstabilität kann in Deutschland daher nur gewahrt werden, indem man in Starkwindzeiten seine Stromüberschüsse ins Ausland, insbesondere nach Norwegen, verschleudert, in Schwachwindzeiten aber Strom teuer aus dem Ausland bezieht. Auch dieser Sachverhalt bildet sich im hohen deutschen Strompreis ab.

Die taumelnde deutsche Stromversorgung wäre gewiss schon mehrere Male abgestürzt, wenn sie nicht immer wieder vom Ausland aufgefangen worden wäre. Wenn diese herbe Feststellung falsch sein sollte, wäre sie sehr leicht zu widerlegen. Deutschland müsste sich zu diesem Zweck nur vom riesigen kontinentaleuropäischen Verbundnetz trennen und versuchen, einige Zeit lang auf eigenen Beinen zu stehen. Da würden seine Bewohner wohl bald ihr blaues Wunder erleben.

Die deutsche Stromversorgung ist wahrlich ein negatives Muster, die nur deshalb noch einigermaßen funktioniert, weil die anderen Staaten dem deutschen Beispiel eben nicht folgen. Was seine Stromversorgung betrifft, ist Deutschland also ein Trittbrettfahrer, der, wenn es schlimm kommen sollte, dafür verantwortlich sein wird, wenn in naher Zukunft in ganz Europa die Lichter ausgehen sollten. Aber man hat ja Herrn Putin als Sündenbock. Dem wird man die Folgen der verfehlten deutschen Energiepolitik in die Schuhe schieben.

Dieses herbe Urteil wird auch angesichts dessen, was wir derzeit an der Energiefront erleben, nicht falsch. Was hätte Deutschland mit dem Geld, das es in den Ausbau der Windkraft gesteckt hat, nicht alles machen können, um seine Energieversorgung autarker zu machen? Welcher Teufel hat Deutschland geritten, aus der Kohle auszusteigen, dem einzigen Primärenergieträger, den man nicht zukaufen muss, weil er im eigenen Land in ausreichender Menge zur Verfügung steht? Überall in der Welt baut man neue Kernkraftwerke, in Deutschland hingegen baut man nicht nur seit langem keine neuen mehr, man legt sogar bestehende, Strom äußert günstig produzierende, still, statt sie noch einige Jahre weiter am Netz zu lassen. (Solch ein amortisiertes Kernkraftwerk produziert, wie es heißt, die Kilowattstunde für lediglich 2 Cent.) Man hätte in Deutschland auch längst schon ein Flüssiggasterminal bauen können, um das wichtige Erdgas auch von woanders als von Russland beziehen zu können. Jede Fabrik, die auf Zulieferungen aus dem Ausland angewiesen ist, muss sich auf den Fall vorbereiten, dass diese Zulieferungen ausbleiben könnten. Sie muss Überlegungen anstellen, wie in einem solchen Fall diese Ausfälle substituiert werden könnten. Das ideologieverblendete Deutschland hingegen . . .

7.3 Österreich

Werfen wir zum Abschluss noch einen Blick auf ein drittes europäisches Land: auf unser Österreich. Auch Österreich ist, was seine Stromversorgung betrifft, ein gesegnetes Land, obwohl nicht in dem Maß, wie es Norwegen ist. Der Vergleich Österreichs mit Norwegen ist lehrreich. Erzeugt Norwegen fast seinen ganzen Strom, den es benötigt, mit der Wasserkraft, so liegt der Anteil der Wasserkraft bei der österreichischen Stromproduktion bei 60 Prozent. Noch ein Unterschied ist erwähnenswert: Während Norwegen seinen mit der Wasserkraft erzeugten Strom fast ausschließlich mit Speicherkraftwerken erzeugt, erzeugt Österreich seinen Wasserkraftstrom überwiegend mit Laufkraftwerken, wiewohl es auch einige Speicherkraftwerke hat, deren bekannteste die Kraftwerke Kaprun und Malta sind. Dieser Unterschied zu Norwegen ist geografisch und topologisch bedingt. Österreichs Schicksalsstrom ist die Donau. Mit ihr hat Österreich den größten energetisch nutzbaren Fluss Europas, der auf seinem etwa 400 km langen Weg durch Österreich, also von Passau nach Hainburg, ein Gefälle von etwa 170 Metern aufweist. (Das durchschnittliche Gefälle der Donau beträgt in Österreich demnach etwa 0,425 m pro Stromkilometer. Um das typische Gefälle von 10 Metern, das für den Betrieb eines Donaukraftwerkes notwendig ist, zu erreichen, muss der Rückstau etwa 23 km betragen.)

Von Hainburg bis zur Mündung der Donau beträgt das Gefälle hingegen lediglich 140 Meter, bei einer verbleibenden Flusslänge von etwa 1900 km. Ab Hainburg ist die Donau also ein energetisch kaum nutzbarer Tieflandfluss, wenn man vom Kraftwerk am Eisernen Tor absieht, das auf Grund der dortigen Topologie das mit Abstand größte Donaukraftwerk ist. Aber nicht nur die Donau, auch ihre großen Nebenflüsse wie der Inn, vor allem aber die Drau, liefern wichtige Beiträge zur Erzeugung von Strom mit Laufkraftwerken.

Speicherkraftwerke spielen in Österreich nicht die Rolle, die sie in Norwegen spielen. Zwar sind die Alpen zum Teil beträchtlich höher als die norwegischen Berge, auch die notwendigen Wassermengen wären in Österreich vorhanden, doch die Alpentäler sind keine engen Fjorde, in denen mit relativ geringem Aufwand Wasser gestaut werden kann. Verglichen mit Norwegen sind geeignete Standorte für Speicherkraftwerke in Österreich daher rar. Vor allem ist es der Sicherheitsaspekt, der den Bau von Speicherkraftwerken in Österreich hemmt. Sollte in Norwegen ein Staudamm brechen, so ergösse sich das gestaute Wasser ins Meer; es wäre zwar eine Katastrophe mit großen Zerstörungen, womöglich auch mit Menschenopfern, aber sie wäre überschaubar. In Österreich hingegen wäre die Katastrophe eine gewaltige, denn das Wasser des berstenden Stausees würde seinen Weg über das österreichische Flusssystem nehmen müssen. Unzählige Tote wären zu beklagen, und die Landschaft entlang der Flüsse wäre, nachdem sich das Wasser verlaufen hätte, nicht mehr wiederzuerkennen.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass man in Österreich aus dieser Not schon früh eine Tugend gemacht hat und die meisten der vergleichsweise wenigen Speicherkraftwerke, die man bauen konnte, auch mit Pumpen ausgerüstet hat. Die meisten österreichischen Speicherkraftwerke sind daher Pumpspeicherkraftwerke. Da man über solche verfügt, braucht in der Zeit, da wenig elektrische Energie benötigt wird, die Produktion an Strom nicht zurückgefahren werden; der Überschuss an erzeugter elektrischer Energie kann vielmehr dazu verwendet werden, Wasser zurück in den Stausee zu pumpen, wo es als energetische Reserve zur Verfügung steht. Selbstverständlich muss unterhalb des Krafthauses ein entsprechendes Wasserbecken vorhanden sein, in dem das Wasser, das von oben gekommen ist, gesammelt wird. Pumpspeicherkraftwerke sind die einzige Möglichkeit, elektrische Energie in großem Maßstab zu speichern, indem man sie wieder in die Energieform rückwandelt, mit der sie erzeugt wurde. Selbstverständlich ist das mit beträchtlichen Energieverlusten verbunden.

Mit Hilfe seiner Pumpspeicherkraftwerke kann Österreich den stark schwankenden Bedarf an elektrischer Energie mit seinen Lastspitzen und Lasttälern also glätten, kann die Lastspitzen kappen und die Lasttäler füllen. Die Laufkraftwerke und die thermischen Kraftwerke des Landes werden so eingestellt, dass sie etwa das Tagesmittel an elektrischer Energie liefern. Sie fahren also Band, wie man das nennt. Wird mehr Energie als dieses Mittel benötigt, zum Beispiel während der Mittagsspitze, springen die Pumpspeicherkraftwerke ein und liefern die fehlende Differenz. Sinkt der Energiebedarf hingegen unter den von den Laufkraftwerken gelieferten Durchschnitt, zum Beispiel in den Stunden nach Mitternacht, werden nicht etwa die Laufkraftwerke und die Wärmekraftwerke zurückgefahren, was unwirtschaftlich wäre, sondern die überschüssige Energie fließt zu den Pumpspeicherkraftwerken und wird zum Rückpumpen des Wassers in die Speicher verwendet.

Im Gegensatz zu Österreich hat Norwegen keine Pumpspeicherkraftwerke; es benötigte sie in der Vergangenheit nicht, denn seine Speicherkraftwerke konnten die Lastschwankungen im Netz spielend ausgleichen. Das können sie zwar auch heute noch, doch die Zeiten haben sich geändert. Heute wäre Norwegen froh, wenn es solche Pumpspeicherkraftwerke hätte, denn dann könnte das Land sein Stromveredelungsgeschäft mit Deutschland ausweiten, könnte mehr billigen deutschen Junkstrom importieren und diesen in veredelter Form teuer nach Deutschland zurückexportieren.

Ich will das an einem Beispiel darlegen. Nehmen wir dazu an, der Stromverbrauch in Norwegen wäre 20 Gigawatt. Nehmen wir weiter an, der Wind in Deutschland würde stark wehen, so dass Deutschland eine Überproduktion von 10 Gigawatt hätte. Nun kommt Norwegen den Deutschen zu Hilfe und nimmt ihnen diese 10 Gigawatt ab. Dazu muss es aber die eigene Stromproduktion um diese importierten 10 Gigawatt drosseln. Wie weit kann Norwegen dieses Spiel nun treiben? Offensichtlich nur so lange, bis auch das letzte Speicherwerk abgeschaltet ist. Dann würden die 20 Gigawatt, die das Land für seine Stromversorgung benötigt, zur Gänze von deutschen Windrädern erzeugt werden. Hätten die Norweger aber wie Österreich Pumpspeicherkraftwerke, könnten sie mehr als diese 20 Gigawatt aus Deutschland beziehen, nämlich 20 Gigawatt plus die Leistung, die für das Hochpumpen des Wassers in die Stauseen benötigt wird.

Die österreichischen Pumpspeicherkraftwerke sind die Kronjuwelen der österreichischen VERBUND AG, aber auch die Kronjuwelen der anderen österreichischen Stromerzeugungsunternehmen, die über solche Kraftwerke verfügen. (Zu nennen wäre da in erster Linie die vorarlbergischen illwerke vkw, aber auch die KELAG in Kärnten.) Ihre Hauptaufgabe ist, das österreichische Stromnetz stabil zu halten, eine Aufgabe, die angesichts der immer größeren Anzahl an Windrädern, die sich mittlerweile im Lande drehen, immer schwieriger wird. Traditionell ist es aber auch ihre Aufgabe, den Deutschen beizustehen, wenn sie Schwierigkeiten mit der Stabilität ihrer Netze haben sollten. Traditionell ist diese Aufgabe deshalb, weil mit dem Bau von Pumpspeicherkraftwerken in Österreich schon in der Zwischenkriegszeit begonnen wurde, und zwar vor allem mit deutschem Geld. Die Deutschen benötigten also schon damals Einrichtungen, um ihre überschüssige Energie jederzeit parken und bei Bedarf jederzeit wieder abrufen zu können. (Anzumerken ist, dass es Gaskraftwerke zur Netzstabilhaltung damals noch nicht gab.) Noch vor dem politischen Anschluss war Österreich also energetisch an Deutschland angeschlossen. In großem Stil ging es weiter, denn nach dem im Jahr 1938 erfolgten Anschluss wurde sofort mit dem Bau des größten österreichischen Pumpspeicherkraftwerks in Kaprun begonnen, was nichts anderes heißt, als dass mit den umfangreichen Planungsarbeiten schon mehrere Jahre vor dem Einmarsch der Nazis begonnen wurde.

Seine Pumpspeicherkraftwerke gestatten Österreich einen einträglichen Stromhandel mit seinen Nachbarländern. Zwar ist die Strombilanz des Landes insgesamt leicht negativ, doch Österreich kauft wie Norwegen Strom billig ein und verkauft ihn teuer. So stand laut Statistik von E-Control im Jahr 2021 einem Stromimport von 26,4 TWh ein Stromexport von 18,9 TWh entgegen, wobei 40% der Importe aus Tschechien, 58% aus Deutschland kamen. Der Stromimport von seinen anderen Nachbarn ist vernachlässigbar. Wie sich der importierte Strom zusammensetzt, kann nicht genau gesagt werden, es darf aber angenommen werden, dass der Strom aus Deutschland billiger Windstrom ist, der Strom aus Tschechien hingegen aus den dortigen Atomkraftwerken stammt und ebenfalls günstig zu haben ist.

Die Exportbilanz schaute für das Jahr 2021 folgendermaßen aus: Nach Deutschland exportierte Österreich 6,1 TWh Strom, nach Tschechien 0,2 TWh, in seine anderen Nachbarstaaten aber 12,3 TWh.