Sloterdijk Peter: Der Fürst und seine Erben

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Über große Männer im Zeitalter gewöhnlicher Leute

"Ein Fürst, der sich behaupten wolle, statuierte Machiavelli, müsse lernen, nicht gut zu sein. Diese Lektion haben die neuen Autokraten gelernt. Peter Sloterdijk schwingt sich nicht zu ihrem Berater auf, sondern erweist sich als so kühler wie hellsichtiger Analytiker des neuen Typs Fürst." So die untertänigste Ankündigung der edition suhrkamp, 2026

Sloterdijk und Trump

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In seinem Buch „Du mußt dein Leben ändern“ (2012) hat Peter Sloterdijk (PS) die Religionen einfach ausgelöscht. Nicht gedankenexperimentell oder arbeitshypothetisch sondern postfaktisch: „Es geht in unserem Unternehmen um nicht weniger als um die Einführung einer alternativen Sprache, und mit der Sprache einer veränderten Optik, für eine Gruppe von Phänomenen, für welche die Tradition Ausdrücke wie 'Spiritualiät', 'Frömmigkeit', 'Moral', 'Ethik' und 'Askese' anzubieten pflegte. Gelingt das Manöver, so wird der herkömmliche Religionsbegriff, jener unselige Popanz aus den Kulissenhäusern des modernen Europa, als der große Verlierer aus diesen Untersuchungen hervorgehen. … Wir haben gegen eine der massivsten Pseudo-Evidenzen der jüngeren Geistesgeschichte anzugehen: gegen den seit erst zwei- oder dreihundert Jahren in Europa grassierenden Glauben an die Existenz von 'Religionen', mehr noch, gegen den ungeprüften Glauben an die Existenz des Glaubens.“

Angsichts dieses hybriden Programms, das „mit der Sprache einer veränderten Optik“ die historischen Fakten nicht nur neu interpretierten, sondern zur Gänze eliminieren will, scheint es unlogisch, dass Sloterdijk in seinem neuesten Werk „Über große Männer im Zeitalter gewöhnlicher Leute“ mehrfach auf Adam und Eva zurückgreift. Doch Logik ist nicht das Revier des „Starphilosophen“; er selbst würde seine Abhandlung wohl als „kulturanthropologisch“ bezeichnen.

Sloterdijk ist die Personifizierung der Beliebigkeit unserer Zeit, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Diesem Prinzip folgend, beschränkt sich die folgende Betrachtung auf das Thema „Adam und Eva“. Diese benötigt der Meisterdenker, weil er über die Politik als „zweiten Sündenfall“ spricht, was ohne den ersten, originären nicht möglich ist. Zunächst erinnert PS an Augustinus, „dem zufolge die Stellung des Menschen in der Welt durch das peccatum originale, die Anfangssünde, zu Deutsch: die Erbsünde, geprägt sei.“ (19)

„Mit dem Aufkommen der politischen Sphäre eröffnet sich ein Tugend-und-Sünden-Bereich zweiter Ordnung. In den Regionen der zweiten Sünde sündigt das Volk vor allem durch Regungen des Ungehorsams – die bis zu Rebellion, Attentat und Revolution gehen können – , während die Fürsten sich vor allem durch Erfolglosigkeit im Krieg schuldig machen, daneben auch durch diplomatische Unklugheit sowie durch Eitelkeit und Trägheit, um von ihrer Neigung zum Versinken in höfischen Parallelgesellschaften hier nicht zu reden.“ (21)

Ein guter Teil des Buches besteht in Andeutungen des Autors, wovon er „hier nicht zu reden“ gedenkt. „Wir wollen im Moment nur flüchtig darauf hinweisen, daß das Konzept ‚Staat‘, weiterhin als Agentur der politisch potenzierten Erbsündigkeit aufgefaßt, zwischen dem 16. und dem 20. Jahrhundert zahlreiche Gestaltwandlungen durchlaufen hat“ – dem flüchtigen Hinweis folgt eine lange Aufzählung vom Römischen bis zum Dritten Reich.

War die zweite Erbsünde in der Politik gerade noch die Erfolglosigkeit im Krieg, so erfahren wir hier von einer „Agentur der politisch potenzierten Erbsündigkeit“. Das ist keine real existierende PR-Abteilung, wie man heutzutage die Propagandaministerien einer Regierung nennt, denn auch der Staat ist kein real existierendes Phänomen, sondern lediglich ein „Konzept“. Dementsprechend ominös bleibt die Erzählung „Vom Sündenfall zum Absturz in den Staat“. (15) Die „Anthropologische Lektionen für das politische Tier“ bringt uns auch nicht viel weiter: „Das politische Denken der Neuzeit nach Machiavelli hat es also mit einem Gestaltwandel der Erbsünde zu tun, besser mit ihrer systemischen Neutralisierung und ihrer staatsjuristischen Bemäntelung.“ (26)

„Ohne Zweifel stellt das Apfelverbot der Genesis die Rückprojektion eines erst viel später im Interesse der Selbsterhaltungsvernunft erlassenen Verbots von Eigensinn und Einzelwillkür in die ersten Anfänge der Menschengeschichte dar. Wer in der Zeit der Genesis-Redaktion (man hat wohl an das 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zu denken) – aus welchem Grund auch immer – bereits starkes Interesse an einer Kultur der Unterordnung und des Gehorsams hatte, mußte völlig Willkürliches befehlen, um zu prüfen, ob beim Empfänger des Befehls die erwünschte Unterwerfungsbereitschaft gegeben war.“ (26 f)

Es ist unglaublich, dass der belesene Philosoph statt beim Wortlaut der Genesis zu bleiben, im Kindergarten-Niveau vom „Apfelverbot der Genesis“ schreibt. Dass PS die Entstehungsgeschichte des alten Testaments gar mit der redaktionellen Arbeit vergleicht, die er selbst aufgrund seiner zahlreichen Publikationen vom suhrkamp Verlag kennt, ist wohl „der Sprache einer veränderten Optik“ geschuldet, aber trotzdem unfreiwillig komisch. Wir können davon ausgehen, dass im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung ziemlich wenig geschrieben und somit so gut wie nichts redigiert wurde, dagegen umso mehr erzählt und mündlich überliefert. So auch die Genesis.

Zur Erinnerung der Wortlaut: „Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, daß er ihn baute und bewahrte. ¹⁶ Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten; ¹⁷ aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollst du nicht essen; denn welches Tages du davon ißt, wirst du des Todes sterben.“ Genesis 2:15-17 © Bible Online, 2003-2026.

Sloterdijk fabuliert dazu: „Eva und Adam standen mit einem Mal als bestrafte Verlierer vor dem Gartentor, das hinter ihnen ins Schloß fiel – bestraft für nichts anderes als ihre a priori bekannte Anarchie, verstanden als gegensatzlose Lizenz zu allem, was ihnen beliebte. Die Vertreibung exekutierte der Sache nach die Strafe für die Übertretung eines Ungehorsamsverbots, das in seiner äußeren Form wie seiner verinnerlichten Beherzigung gemäß erst in frühen Staaten bzw. in ersten vertikalisierten politischen Gebilden sinnvoll gewesen sein könnte. Wie oben angedeutet, setzt die Erzählung vom Sündenfall (gewiß während des babylonischen Exils redigiert) den zweiten schon voraus: Die Ureltern des Menschengeschlechts standen der jüdischen Genesis zufolge unter einer Gehorsamszumutung, wie sie nur in politischen Reichen zu erheben war – an diesen nahmen die Autoren der Paradieserzählung Maß, um aus ihrer Sicht vom Menschsein zu reden.“

Die kritische Methode der Differenzierung findet in den assoziativen Denkbewegungen Sloterdijks keinen Platz. So ist PS nicht aufgefallen, dass Gott Adam und Eva nicht bestraft, sondern verflucht hat (wobei Adam und Eva pars pro toto für die ganze Menschheit stehen). Weder hellsichtig noch analytisch ist die fehlende Auseinandersetzung mit den Differenzen Fluch und Erlösung (Religion) und Schuld und Strafe (Politik).

Anstelle einer weitere Exegese von Sloterdijks „Sprache einer veränderten Optik“, die typisch für ihn ist, verweise ich hier auf meine Sündenfall-Interpretation aus dem Buch „Moral 4.0“

Wenn man in diesem oberflächlichen Streifzug durch das vorliegende Büchlein „Adam und Eva“ durch „Putin und Trump“ ersetzt, dann verwandelt sich Sloterdijks historisch aufgeladene „Sprache einer veränderten Optik“ in den Jargon der Journaille und ihrer Kriegsrhetorik, die neuerdings wieder hoch in Mode steht. Ein Beispiel (wie für den Starphilosophen üblich im pluralis majestatis) muss reichen:

Das Drama reicht bis zur blühenden Hysterisierung und zur offenen Verwilderung. Anders läßt sich der Weg nicht verstehen, der von Figuren wie Cromwell und Robespierre über Napoleon Bonaparte und Napoleon III. zu solchen wie Lenin, Mussolini, Hitler, Stalin, Mao und Ceauşescu führt und weiter zu gespenstisch anmutenden und doch wirklichen und wirkenden ‚Erscheinungen‘ wie Putin und Trump, um von der Galerie der Despoten Afrikas, Asiens und Südamerikas vorerst nicht zu reden, die zu der Vermutung verleiten könnte, ‚Weltpolitik‘ entstehe erst aus der Aufhebung des Unterschieds zwischen Staat und Karneval.“ (108)