Europa 1900 - 1914 (München 2009)
(Februar 2026) Bloms Erzählung über die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts und die letzten Jahre vor dem Weltkrieg enden mit einem Zitat aus dem epochalen Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ (MoE): „War eigentlich Balkankrieg oder nicht? Irgendeine Intervention fand wohl statt; aber ob das Krieg war, er wußte es nicht genau. Es bewegten so viele Dinge die Menschheit. Der Höhenflugrekord war wieder gehoben worden; eine stolze Sache. Wenn er sich nicht irrte, stand er jetzt auf 3700 Meter, und der Mann hieß Jouhoux. Ein Negerboxer hatte den weißen Champion geschlagen und die Weltmeisterschaft erobert; Johnson hieß er. Der Präsident von Frankreich fuhr nach Rußland; man sprach von Gefährdung des Weltfriedens. Ein neuentdeckter Tenor verdiente in Südamerika Summen, die selbst in Nordamerika noch nie dagewesen waren. Ein fürchterliches Erdbeben hatte Japan heimgesucht; die armen Japaner. Mit einem Wort, es geschah viel, es war eine bewegte Zeit, die um Ende 1913 und Anfang 1914.“

Philipp Blom zitiert mehrfach aus Musils Roman, weil dieser in einer Zeit spielt, die so nicht existiert: im Jahr davor, als man nicht wusste, dass im Sommer 1914 der Weltkrieg ausbrechen würde. Heute meint jeder zu wissen, was damals jeder wissen hätte müssen. Philipp Blom versucht sich, diesem Zwang zu entziehen; er wollte „versuchen, eine Periode aus sich selbst heraus zu erzählen und zu interpretieren, unter den Gesichtspunkten, die damals wichtig schienen, und nicht ausschließlich retrospektiv.“
Robert Musil ist das im MoE zweifellos gelungen: der Autor war selbst Offizier im 1. Weltkrieg und hat danach bis an sein Lebensende 1942 an seinem Lebenswerk geschrieben. Aus Sicht der 2020er Jahre ist es nicht mehr nachvollziehbar, mit welcher Disziplin sich Musil zwei Jahrzehnte auf dieses eine Jahr konzentriert hat, als wäre die Zeit für ihn still gestanden.
Blom schreibt immerhin über 15 abwechslungsreiche Jahre, die sich durch ein bis dahin nicht dagewesenes Tempo auszeichneten. So beginnt er seine Erzählung mit einem Autorennen im Jahr 1912, von dem ein junger Fotograf ein verzerrtes Bild aufgenommen hat. Es wurde später zum Kultfoto, weil es kein statisches Objekt sondern die Bewegung selbst eingefangen hat. Das Foto findet sich nicht zufällig auf dem Umschlag des Buches, in dem der Autor versucht hat, „eine Art Kameratechnik zu benutzen, wie sie auch der junge Jacques Lartigue hatte, als er seinen Photoapparat auf den Rennwagen Nummer sechs richtete.“ (15)
