Was kann Wissenschaft leisten? - Immanuel Kant

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Immanuel Kant

Da Kant den Begriff "Kritik" nicht im heute üblichen Sprachgebrauch im Sinne von "Beanstandung, Bemängelung" verwendet, sondern darunter eine wissenschaftliche Methode versteht, soll dieses Kapitel mit einem Exkurs über die von ihm begründete Epistemologie, die "Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können" beginnen. "Kritik" leitet Kant vom Griechischen "krinein" ab, auf Deutsch "prüfen, untersuchen", und nur in diesem Sinne verwendet er diesen Begriff.

Wer Kants Kritik nur oberflächlich aus dem Schulunterricht kennt, wird sich an die Aussage erinnern, dass „das Ding an sich“ nicht erkannt werden kann. Dieses Dilemma lässt sich leicht aufklären, wenn man das Wesen der Kritik, genauer gesagt: die Methode der Kritik versteht. Das „Geschäft der Kritik“ wie Kant formuliert, ist es, die Bedingung der Möglichkeit der Erkenntnis zu ergründen und zu begründen und damit die Grenzen der Erkenntnis (d.h. die Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit) aufzuzeigen. Die Vernunft (Ratio) spielt in der Kritik eine doppelte Rolle. Sie ist einerseits Gegenstand der Erkenntnis und anderseits Bedingung der Möglichkeit der Erkenntnis. Damit ist die Metaphysik selbstreferenziell, was die Gefahr innerer Widersprüche birgt.

Dass die Kritik selbstreferentiell ist, sollte als Auftrag verstanden werden, sie immer auch als Selbstkritik zu verstehen. Die Kritiken (Kritik der reinen Vernunft, Kritik der praktischen Vernunft, Kritik der Urteilskraft) sind schwer zu lesen, weil Kant uns keine fertigen Begründungen liefert, sondern uns an seinem Prozess der Ergründung der Elementarbegriffe der Metaphysik teilnehmen lässt. Er stellt uns kein Fertighaus auf ein vorbereitetes Fundament, sondern lässt uns bei jedem Schritt der Planung und Errichtung dieses Hauses teilnehmen. So bleiben die Methode und ihre Begründung für den ungeübten Leser unklar und verschwommen, weil Kant oft unvermittelt von der Architektur in die Bauausführung wechselt. Seine Standardwerke sind so umfangreich, weil er gleichzeitig die Architektur der Metaphysik als Wissenschaft erklären und umgehend die Anwendungsmöglichkeiten aufzeigen und alle falschen Anwendungen ausschließen wollte.

Alleine die Anzahl der Möglichkeiten des Vernunftgebrauchs ist atemberaubend: apodiktisch, discursiv, dogmatisch, empirisch, hyperphysisch, hypothetisch, intuitiv, konstitutiv, logisch, mathematisch, moralisch, natürlich, polemisch, praktisch, regulativ, rein gesetzgebend, skeptisch, spekulativ, systematisch, theoretisch, transscendental oder transcendent. Es ist gar nicht notwendig, auf diese Unterscheidungen im Detail einzugehen. Es reicht darauf hinzuweisen, dass schon Kant erkannte: nicht jeder Gebrauch der Vernunft ist vernünftig. Das Kapitel Science & Evicence liefert viele Behauptungen, die eher einen dogmatischen, polemischen oder spekulativen Vernunftgebrauch bezeugen, als einen konstitutiven, logischen oder praktischen.

Hier die wesentlichen Grundlagen der kritischen Methode, die das Ziel hat, die Grenzen der Erkenntnis auszuloten. Die viel zitierte Formulierung Kants lautet: "Ich musste also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen". Diese Aussage wird oft theologisch interpretiert, ist aber kein Bekenntnis zu einem konkreten Glaubensinhalt (z.B. zum Christentum), sondern der Hinweis, dass Glauben, so wie Wissen, Denken, Erkennen, Erfahren, Vorstellen, Wahrnehmen, Anschauen "Vermögen" sind, die alle essenziell für die Metaphysik als Wissenschaft sind, und das Wesen des homo sapiens definieren. Glaube steht am Anfang - man kann auch sagen an der Grenze - des Wissens und jeder Wissenschaft.

Die Aussage "Glauben heißt nichts Wissen" ist falsch und richtig gleichzeitig: falsch in der pejorativen Bedeutung, dass Glauben dumm und Wissen gescheit ist; richtig im Sinne Kants: Glauben ist nicht Wissen, sondern etwas essenziell Anderes als "Wissen", wobei beide Begriffe in der Erkenntnistheorie Kants ihre Position haben. Beide "haben ihre Berechtigung" ist eine Formulierung, die man heute gerne verwendet um einen Streit zu vermeiden, anstatt eine Konfrontation auszutragen. Richtig aber im Geiste Kants ist die Aussage: Beide Begriffe sind notwendig.

Glaube ist der Bereich, wo die Erkenntnis beginnt und wo sie wieder aufhört. Vor jeder Theorie steht eine Idee, an die ein Wissenschafter glaubt. Auf jede ausformulierten Theorie folgt der Glaube, dass sie richtig (wahr) ist, bevor man beginnt, sie zu verifizieren (bzw. zu falsifizieren). Weitere Grenzbegriffe, die vor der Erkenntnis stehen, sind die Kategorien (Elementarbegriffe wie Kausalität, Quantität, Qualität, Modalität), und die „reinen Anschauungen“ Raum und Zeit. Grundsätze (Synonym: Prinzipien) sind "Regeln des objektiven Gebrauchs der Kategorien". Den Begriff der "Anschauung" verwendet Kant meist im Sinne der Beobachtung der empirischen Wissenschaft, so ist es verwirrend, wenn er plötzlich von den "reinen Anschauungen Raum und Zeit" spricht. Das ist ein Beispiel dafür, wie schwer es ist, seinen Ausführungen zu folgen. Genau genommen hat er gemeint: Raum und Zeit sind reine Begriffe (Begriffe a priori) als Bedingung der Möglichkeit jeglicher Anschauung.

Darüber hinaus gibt es Ideen, Begriffe a priori, die vor der Erkenntnis stehen (im Unterschied zu spekulativen Begriffen der Schulmetaphysik, die "über" oder "jenseits" der Erkenntnis stehen). Kant unterscheidet psychologische, kosmologische und theologische Ideen, die „lauter reine Vernunftbegriffe sind, die in keiner Erfahrung gegeben werden können“, die aber dazu geeignet sind, unseren Verstandesgebrauch zu einer synthetischen Einheit zu bringen. (P § 56) Bewusstsein und Selbstbewusstsein, sind psychologische Ideen, Unendlichkeit und Universum sind kosmologische Ideen, Gott und Schöpfung sind theologische Ideen. "Ideen", "reine Vernunftbegriffe" und "spekulative Begriffe" sind in Kants System weitgehend synonym. Spekulation ist demnach nicht grundsätzlich abwertend gemeint, wird aber scharf kritisiert im Kontext der vor-kantischen Metaphysik, die keine Wissenschaft war.

Zum Basiswissen über Kants Metaphysik zählt die Unterscheidung zwischen reiner und praktischer Vernunft. Die reine Vernunft gibt die Begriffe a priori, die praktische Vernunft (der Verstand) verknüpft diese Begriffe mit den Anschauungen. Zur Beurteilung von richtig oder falsch, gut oder schlecht braucht es die Urteilskraft. Der praktischen Vernunft widmet Kant ein eigenes Buch, ebenso wie der Urteilskraft. Urteilskraft und Vorstellungskraft sind zwei Schlüsselbegriffe, die von den Wissenschaftern in den vergangenen Jahrzehnten zu wenig beachtet und entwickelt wurden, deshalb behauptet Erwin Chargaff: "die Naturforschung ist [...] gefährlich geworden für die Menschheit, denn der Weg von der methodischen Feststellung zur industriellen Ausnützung ist jetzt sehr kurz. Manche Scheußlichkeit, die früher nur den schönen Inhalt eines Forschertraums gebildet hätte, liegt morgen schon auf den Straßen." (Z, 208/209)

Vorstellungskraft ist das Vermögen des Wissenschafters, Begriffe a priori mit Anschauungen a posteriori (Beobachtungen) zu einer Theorie zu verbinden. Urteilskraft benötigt der Wissenschafter zur Bewertung einer Theorie. Der heute in der Wissenschaftstheorie geläufigen Begriffe "These", "Hypothese", "Theorie" verwendet Kant nicht. Ebenso wenig wie den heute inflationär gebrauchten Begriff "Meinung" - der durch die Menschenrechte und viele Verfassungen in der "Meinungsfreiheit" besonders hervorgehoben und geschützt ist. Kants Interesse gilt den objektivierbaren Begriffen und Urteilen. Dazu zählt er auch die Überzeugung, "ein Fürwahrhalten, das objektiv hinreichenden Grund und demnach Gültigkeit für jedermann besitzt". Meinung dagegen ist immer subjektiv. Das Urteil wiederum ist "die mittelbare Erkenntnis eines Gegenstandes oder Vorstellung seiner Vorstellung". Kant wechselt häufig von einer Ebene der Betrachtung (beispielsweise des Begriffes "Vorstellung") auf die Metaebene (Vorstellung der Vorstellung).Vorstellung impliziert Perception, Empfindung, Erkenntnis, Begriff und Anschauung.

Breiten Raum schenkt Kant der Auseinandersetzung mit dem Empirismus von David Hume, der, wie Kant schreibt, "mir vor vielen Jahren zuerst den dogmatischen Schlummer unterbrach, und meinen Untersuchungen im Felde der spekulativen Philosophie eine ganz andere Richtung gab". Er verweist darauf, dass Hume ihn auf den Gedanken gebracht habe, dass Ursache und Wirkung Begriffe a priori seien, und "so ging ich an die Deduktion dieser Begriffe. [...] Diese Deduktion, die meinem scharfsinnigen Vorgängern unmöglich schien [...] war das Schwerste, das jemals zum Behuf der Metaphysik unternommen werden konnte". (Prolegommena, 7) Das Schwerste", das Kant geleistet hat, wurde zunächst wenig gelesen, geschweige denn verstanden. Deshalb veröffentlichte der Philosoph zwei Jahre später die "Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können" als Einführung in die Kritik. Heute würde man wohl sagen "Kritik der reinen Vernunft für Dummies". Dies zeitigte Erfolge, ab 1787, nach der erweiterten Neuauflage der Kritik, wurde er zum einflussreichsten Philosophen der Aufklärung.

Kant hat bewiesen, dass spekulative Aussagen (Behauptungen, Urteile) im Geiste der Schulmetaphysik nicht bewiesen werden können. So bringt er in der vierten „Antinomie der reinen Vernunft“ den Nachweis, dass sowohl die Aussage, dass die Welt einen Schöpfer habe, als auch die Aussage, es gebe kein „schlechthin notwendiges Wesen in und außer der Welt“ wahr sein können. Mit den gleichen Begründungen (Untersuchung ihrer Gründe) ist aber auch nachweisbar, dass beide Behauptungen falsch sind. Anders gesagt: weder die Aussage "Gott lebt in uns allen" noch die Aussage, für die Nietzsche berühmt wurde, "Gott ist tot", kann bewiesen werden. Spekulative Begriffe (Gott, Unendlichkeit, Bewusstsein uvm) und Aussage übersteigen die Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit und damit die Grenzen der Beweisbarkeit. Erkenntnis ist nur möglich, wenn die Aussagen empirisch überprüfbar sind.

Die wesentliche Leistung von Kant besteht in dem weit über den Empirismus und die spekulative Metaphysik hinaus gehende Verständnis des Zusammenhangs zwischen empirischer Erfahrung und rationaler Erkenntnis. War die Metaphysik vor Kant nur spekulativ, nur eine beliebige, assoziative Aneinanderreihung abstrakter Begriffe (was in der Poesie oder Mystik oder im Bereich der Börsenspekulationen durchaus legitim ist), so ist seine Transformation der Metaphysik vergleichbar mit der kopernikanischen Wende in der Physik. Mit heutigen Begriffen: Kant hat einen Paradigmenwechsel vollzogen. Zuvor war die Metaphysik buchstäblich abgehoben von der Realität und die Naturwissenschaft war auf einem Auge blind, weil sie versuchte, zu empirischen Erkenntnisse ohne Begriffe a priori zu gelangen.

Um das System von Kant zu verstehen, ist die Unterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Urteilen wichtig. "Analytische Urteile sagen im Prädikate nichts, als das, was im Begriffe des Subjekts schon wirklich, obgleich nicht so klar und mit gleichem Bewusstsein gedacht war." (P., 13) Das ist einer der einfachsten Sätze von Kant. Anders gesagt: jeder analytische Satz ist eine Tautologie, beispielsweise: Alle Körper sind ausgedehnt. Alle analytischen Urteile gelten a priori - man braucht sie nicht erst in der empirischen Welt zu überprüfen. Sie beruhen auf dem Satz des Widerspruches (etwas kann nicht gleichzeitig A und Nicht-A sein, etwas kann nicht gleichzeitig sein und nicht sein).

Die Naturwissenschaft arbeitet üblicher Weise mit synthetischen Urteilen, das sind Sätze, die eine Synthese aus mehreren Begriffen bilden, beispielsweise: Ein Baum ist eine Pflanze mit Stamm, Ästen und Krone. "Erfahrungsurteile sind jederzeit synthetisch" (P. 15) und "Erfahrung ist selbst nichts anders, als eine kontinuierliche Zusammenfügung (Synthesis) der Wahrnehmungen" (P. 25), schreibt Kant. Charakteristisch für die Wissenschaft ist die laufende Präzisierung synthetischer Urteile. So definiert die Botanik Bäume als "ausdauernde und verholzende Samenpflanzen, die eine dominierende Sprossachse aufweisen, die durch sekundäres Dickenwachstum an Umfang zunimmt." (wikipedia) Urteile aus Erfahrung sind Urteile a posteriori, Erfahrungsurteile verwenden Begriffe a posteriori - zur Erkenntnis gelangt man erst durch die Verbindung mit den Begriffen a priori.

Eine zentrale Frage der Kritik lautet: sind synthetische Urteile a priori möglich? Genau genommen lautet die Frage: Wie sind synthetische Urteile a priori möglich? - denn dass sie möglich sind, ist Kants Voraussetzung für die Entwicklung der kritischen Methode. Oft werden empirische Urteile so selbstverständlich, dass man zur Meinung gelangen könnte, diese seien synthetische Urteile a priori. So könnte man folgendes Urteil betrachten: "Holzbiomasse enthält weniger Energie als Kohle, so dass die CO2-Emissionen für die gleiche Energieleistung höher sind". Physiker könnten in Kenntnis der Energiedichte verschiedener Rohstoffe diese Aussage für a priori richtig halten. Die Aussage ist zwar apodiktisch (unstrittig) und (bei Kenntnis der Formeln für Energiedichte) evident, aber nicht a priori. In diesem Sinne kritisiert Kant den Denkansatz Humes, der behauptet, "nur Erfahrung kann uns solche Verknüpfungen an die Hand geben, und [...] Erkenntnis a priori ist nichts als eine lange Gewohnheit, etwas wahr zu finden". (P, 27)

Synthetische Urteile a priori können nur aus Begriffen a priori gebildet werden, Kant sagt, dass die Begriffe a priori "die Materie der Metaphysik und ihr Bauzeug ausmachen" (P, 22). Letztlich können wir "von den Dingen nur das a priori erkennen, was wir selbst in sie legen." (Kritik, 21) Auf diesem Satz basieren alle Varianten des Konstruktivismus, der im 20. Jahrhundert zu einer dominierenden Wissenschaftstheorie, ja sogar Weltanschauung geworden ist. Die radikale Fassung: jedes Gesetz ist gesetzt - nicht nur die Gesetzgebung der Staaten (positives Recht), sondern auch die Naturgesetze.

Zusammengefasst: Die Kritik der reinen Vernunft "ist ein Traktat von der Methode, nicht ein System der Wissenschaft selbst; aber sie verzeichnet gleichwohl den ganzen Umriß derselben, sowohl in Anschauung ihrer Grenze, als auch des ganzen inneren Gliederbaus derselben." (Kritik, 23) Darauf baut Karl Popper in der "Logik der Forschung" auf.